Bundestagswahl 2013 – oder: Der verzweifelte Versuch eines Demokraten, nicht zynisch zu werden.

„Nur die allerdümmsten Kälber wählen Ihre Metzger selber“ dichtete Bertolt Brecht, und jetzt, wo wir wieder mitten um sogenannten Wahlkampf sind, fällt es einem aufrechten Demokraten schwer, nach Gründen zu suchen, warum er wie bei allen Wahlen von „kommunal“ bis „Europa“ auch diesmal wieder ins Wahllokal tapern soll, um dort sein Kreuzchen zu machen.

Na klar, es geht um das „kleinere Übel“, aber so fragt sich der geneigte Autor: „Welches Übel ist denn klein genug, um es zu wählen?“, um danach eine Wundertüte zu öffnen nach dem Motto „Es ist unfair, Politiker an ihren Wahlversprechen zu messen“ (Müntefering). Na woran denn sonst?

 

Da haben wir einmal die Kanzlerin, Erfinderin der „marktkonformen Demokratie“. Man möchte Jakob Augstein auf Spiegel online Recht geben: Sie handelt nach dem Motto „Setz' dich ans Ufer des Flusses und warte - und du wirst die Leichen deiner Feinde vorübertreiben sehen.“ - und wird damit Kanzlerin bleiben.

 

Der Gegenkandidat stürzt sich mit Verve in jedes Fettnäpfchen, an das vorher keiner gedacht hatte. Und seine Partei passt gut auf, nicht aus Versehen doch in die missliche Lage zu kommen, den Kanzler stellen zu müssen. „Dann geräte sie in Gefahr, Teile ihres Wahlprogramms umsetzen zu können - ... und das wollen die ums Verrecken nicht“, wie der Kabarettist Volker Pispers zu Recht bemerkte.

 

Die Grünen? Spötter sprechen von „FDP'lern, die im Bioladen kaufen“. 1998 feierte der Autor auf der Wahlparty im Berliner Prater mit. Hätte er dort gealpträumt, dass er davon „Hartz IV“, die erste Beteiligung an einem Angriffskrieg nach 1945, einen windelweichen Atomausstieg, eine Kette von Steuersenkungen undundund... bekommt?

 

Die F.D.P.? Plakatiert „Mehr Mut, mehr Markt, mehr Freiheit“, und in der Tat erfordert es eine Menge Mut, aus einem mehr an Markt ein mehr an Freiheit herzuleiten, fragen Sie mal die GriechInnen! .... na ja, 5 Prozent der WählerInnen profitieren von der FDP-Politik, das reicht für die Wahl.

 

Die sozialdemokratische Partei – firmierend als „Die Linke“? Von den Forderungen her könnte der Autor zustimmen, aber der Rest der veröffentlichten Meinung singt „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ (F.-J. Degenhardt), es könnte sich aus Versehen ja doch etwas ändern!

 

Die Piraten? Auch da nickt der Kopf des Schreiberlings beim Betrachten der Wahlplakate „Wenigstens mal Inhalte!“. Der nimmt auch zur Kenntnis, dass sie als einzige Fraktion im Abgeordnetenhaus den Arsch in der Hose hatten, die Verfassungsklage gegen die Verträge der Berliner Wasserbetriebe zu unterstützen. Haben sich jedoch durch einen gnadenlos transparenten Niveaulimbo ihrer innerparteilichen Auseinandersetzung so weit disqualifiziert, dass sie höchstens als Protestwahl taugen – immerhin etwas!

 

Der Autor wird beim Schreiben dieser Zeilen immer wütender, immer verzweifelter. „In anderen Ländern riskieren Menschen ihr Leben dafür, wählen zu dürfen“ sagt die mahnende Stimme in seinem Hinterkopf. Die wütende hält dagegen, dass die Alternativen sich langsam aber sicher Robert Lemkes Frage „Welches Schweinderl hättens denn gern?“ annähern.

  • Wählen? Oh, ja – aber wen? (siehe oben)

  • Wegbleiben und so sein Desinteresse zu zeigen oder zu signalisieren, dass doch alles halbwegs in Ordnung ist?

  • Ungültig zu stimmen, um so zu zeigen, dass einem Demokratie wichtig ist, aber keines der Übel klein genug?

Der Hilferuf lautet: „Kommet zuhauf in den attac-treff, lasst Dampf ab und bewahrt den Autor und uns alle davor, endgültig in den Zynismus abzugleiten!

... am 5. September um 19 Uhr im attac-treff

PS Zur Einstimmung:

 

Leitet Herunterladen der Datei einEric Toussaint - Was würde Haiti helfen? (Text zur Diskussionsveranstaltung am 02.09.2010)

 

Leitet Herunterladen der Datei einSolidarnosc (Texte zur Diskussionsveranstaltung am 27.01.2011)

 

Leitet Herunterladen der Datei einTunesien/Ägypten - Sand im Getriebe Nr. 88 02/2011 (Texte zur Diskussionsveranstaltung am 17.02.2011)

 

Leitet Herunterladen der Datei einAch, Attacies! - Kommentar von Benedict Ugarte Chacón (Text zur Diskussionsveranstaltung am 26.05.2011)

 

Leitet Herunterladen der Datei einNicht neu, aber richtig - Kommentar von Steffen Stierle (Text zur Diskussionsveranstaltung am 26.05.2011)